TALLINN ich komme…
Pünktlich am ersten Juli war es endlich so weit! Koffer gepackt, stand ich auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Jena Paradies und (m)ich erwartete die schönste Zeit des Jahres, dieses mal mit besonderen Leckerbissen gespickt.
Der Grund in Jena Paradies am Bahnhof zu stehen, und mich mit ca. 10 anderen Reisenden des Jenaer Madrigalkreises zu treffen, war ein Fest (was sonst). Und zwar waren wir auf dem Weg ins wunderschöne Tallinn (Estland) zum Sängerfest, genannt „Laulupidu“, welches zusammen mit dem „Tantsupidu“, einem Tänzerfest, stattfand.
Damit bin ich auch schon beim Titel: „Ühes Hingamine“, was soviel wie „zusammen atmen“ bedeutet. Dieses Fest ist kein Wettbewerb. Es geht für die Esten darum, zusammen zu singen. Estland ist ein Land der Sänger, und genau das repräsentiert dieses Fest. Da treffen sich also ~25.000 Menschen, und singen zusammen ein und dasselbe Lied, zeitgleich. Am 04. Juli war eine Parade durch Tallinn von allen Sängern, Orchestern und Tänzern angekündigt. Wir trafen uns an einem Tor der Altstadt, zogen einen kleinen Spaziergang durch die Stadt, und liefen in den „singing Grounds“ ein. Dort war ein Sprecher auf dem Podest für die Dirigenten, dem Publikumsbereich zugewandt, von dem aus wir auf ihn zu liefen. Als ausländischer Chor sind wir als erste eingezogen, unter anderem mit einer finnischen Militärkapelle. Der Sprecher begrüßte uns also ca. 13:30 Uhr als eine der ersten Gruppen. Dann hatten wir bis zum Einzug der Tallinner Chöre, welche als letzte liefen, Zeit, und setzten uns an den Rand der einziehenden Chöre und sahen uns die Trachten an, mit Schlafen zwischendurch und Essen und allem drum und dran! Der arme Sprecher jedoch war von 13:30 Uhr bis ca. 20:00 Uhr beschäftigt, Gruppen zu begrüßen und anzusagen. Er konnte nicht einmal Pause machen, er wurde ja im estnischen Fernsehen gefilmt…
Danach war ein erstes Konzert angesagt, bei dem die Flamme entzündet wurde.
- Buehne leer
- Flamme brennt
- Publikum_1
- die wackeren Streiter
Was man von der Bühne als Publikum sieht, sind ca. 100.000 Zuschauer… und wie man im Bild [Publikum_1] erkennen kann, ist der Übergang von Sängern zum Publikum fließend. Das führte dazu, dass die Sängerinnen (die standen hinten oben in der Kuppel) eine Laola anfingen, und die über die ersten Zuschauer hinweg bis hinten hoch schwappte… bei Gelegenheit liefer ich das Video dazu…
Ebenfalls im Bild [Publikum_1] ist rechts ein blaues Zelt zu sehen, hinter dem (relativ schlecht zu erkennen) ein Podest ist, auf dem eine Frau steht. Das ist eine Dirigentin. Diese mussten mit kompletter Armbewegung alle dirigieren, ansonsten wäre es für die Frauen ganz schlecht zu sehen gewesen, was sie will. Das Podest, auf dem sie steht war eigentlich mit Tafeln behängt, die ein gelbes Muster auf blauem Hintergrund zeigten. Einer der Dirigenten war jedoch bei einem beschwingten, jazzigen Lied sehr überschwenglich und tanzte mit, sodaß durch seine Bewegungen die Tafel auf unserer Seite herab fiel, während des Konzerts!
Aber nicht nur die Dirigenten waren total mitgerissen von den Gefühlen, sondern auch wir. Ein Lied war etwas langsamer und getragen. Alle nahmen Ihre Arme und Hände nach oben, und wogten mit denen hin und her. Wir „ausländische“ haben nach kurzer Reaktionszeit mitgemacht… bei der Gelegenheit ergriff jemand wildfremdes hinter mir meine Hand, und wogte mit mir zusammen… Nunja, ich bin etwas nah am Wasser gebaut, und da ich sowieso schon überglücklich war, das miterleben zu dürfen, waren meine Dämme jedenfalls wesentlich zu klein gebaut…
Wir haben für dieses Gänsehautgefühl bei diesen Geschehnissen 2 Tage geprobt! Die Platzverhältnisse beim Singen waren mit der sprichwörtlichen Sardinenbüchse zu vergleichen. Aber dafür war uns immer warm, inmitten von 25.000 Mitsängern, die jeder ca. 100W Wärmeleistung abgeben (die Matrix lässt grüßen).
Doch die Endorphine während des Singens entlohnten für alles, was man den wackeren Streitern bestimmt ansieht. Wir saßen noch ca. 1h nachdem alles vorbei war auf den Stufen, und haben die Zeit einfach gebraucht, um alles zu verarbeiten und zu begreifen, was da mit uns passiert war.
Auf dem Photo sieht man im Hintergrund auch, dass die Esten fast alle in Trachten dort waren.
So, nachdem ich jetzt schon wieder schlucken muss, und mich zusammenreißen muss, weil ich immer noch total beeindruckt und bewegt bin, sag ich erstmal Tschüß, und melde mich mit dem Urlaub – Teil 2 zurück, der dann in Deutschland mit meiner besseren Hälfte stattfand…
TALLINN ich komme… (wieder)…




27 Juli 2009 um 9:45 |
klingt spassig